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mit freundlicher Genehmigung durch Herrn Thomas Rübenacker, SWR 2

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Maunuskript Thomas Rübenacker

MUSIKSTUNDE mit Thomas Rübenacker Donnerstag, 19. 3. 2009

MUSIKLAUFPLAN
REGER, Intermezzo es-moll; Max Reger (Welte-Mignon-Rolle); Intercord 860.855 (LC 1109)
REGER, Der geigende Eremit (Vier Tondichtungen nach A. Böcklin); van Zweden, Königl. Concertgebouw-Orch., N. Järvi; Chandos 8794 (LC CODAEX!)
REGER, Drei Burlesken f. Klav. zu 4 Händen; Tal & Groethuysen; Sony SK 47 671 (LC 6868)
EILENBERG, Die Mühle im Schwarzwald; Salonorchester Éclair; Capriccio 10 324 (LC 8748)
REGER, Hiller-Variationen op. 100 (Schlussfuge); Königl. Concertgebouw-Orch., N. Järvi; Chandos 8794 (LC CODAEX!)
SZELL, Variationen ü. ein eigenes Thema; National Philharmonic of Lithuania, Botstein; Arabesque Recordings Z6752 (KEIN LC!)



Geschichte der Anekdote

Wir haben in dieser Woche schon mehrfach festgestellt, dass eine gute Anekdote nicht immer wortwörtlich sich zugetragen haben muss – aber dass sie in ihrer Zuordnung zumindest plausibel sein sollte. Man darf also nicht das berühmte Bonmot „Wenn Richard, dann Wagner, wenn Strauß, dann Johann“ dem Dirigenten Hans von Bülow in die Schuhe schieben, der ein großer Verehrer und Freund von Richard Strauss war. Eine gute Anekdote kann auch ein guter Witz sein: Nur darf man es ihr nicht anmerken, wenn sie frei erfunden ist. Es gibt eine barocke Figur der Musikgeschichte, der man zutraut, dass er all jene Anekdoten, die man sich von ihm erzählt, tatsächlich auch verzapft hat: Das ist Max Reger. Dessen mal grober, mal subtiler Witz war legendär, deshalb ist die Chance groß, dass Reger-Anekdoten wirklich authentisch sind. Denn wären die eine oder andere es nicht, wären sie zumindest gut erfunden. Eine meiner liebsten Reger-Anekdoten stammt allerdings nicht vom Meister selbst, sondern vom Kulturamt der Stadt Weiden, wo Reger den größten Teil seiner Kindheit und Jugend zubrachte. Da wird eine „Kulinarische Stadtführung auf den Spuren von Max Reger“ angeboten, und die beinhaltet neben dem „Besuch des Stadtmuseums (mit dem) Max-Reger- Zimmer“ und „der St. Michaelkirche (mit der) Max-Reger-Orgel“ noch folgendes: „Zur Kaffeepause in der Innenstadt genießen wir eine Max-Reger-Torte, um dann gestärkt die Kalorien im Max-Reger-Park 'abzuwandern'. (...) Max Reger – er ist allgegenwärtig in Weiden; sogar auf dem Brunnen inmitten der Stadt ist ein Spruch von ihm verewigt. (...) Unsere ca. 3-stündige Führung geht mit einem Max-Reger-Dunkel und einer deftigen Brotzeit, wie sie auch Max Reger geschmeckt hätte, zu Ende. (...) Preis: € 45,- bei 2 bis 20 Personen.“ Nun, ich bin sicher, Max Reger, der seine Briefe lieber als „Rex Mager“ unterzeichnete, wäre höchlichst amüsiert gewesen über diese Inflation seines Namens und hätte möglicherweise noch den Verkauf von Max-Reger-Gartenzwergen oder Max-Reger-Ohrenschützern angeregt ...

MUSIK: REGER, INTERMEZZO ES-MOLL, TRACK 6 (3:43)

Das war Max Reger selber, wie er um die Wende zum letzten Jahrhundert sein Klavierstück Intermezzo es-moll op. 45/3 einer Walze der Freiburger Firma Welte-Mignon anvertraute – in einer Art steinzeitlichem Digitalverfahren, das Löcher in eine Hartpapierrolle stanzte. Das binäre System der heutigen Digitaltechnik – 1 oder 0 – hieß damals „Loch oder nicht Loch, das ist hier die Frage ...“

Ohne Johann Baptist Joseph Maximilian Reger kommt keine Anekdoten-Sammlung aus, die etwas auf sich hält – das heißt, die meisten von Ihnen, liebe Hörer, werden die berühmtesten Reger-Anekdoten kennen. Ich referiere hier jetzt dreie davon im Schnellgang, damit ich danach übergehen kann zu dem weniger Bekannten. Da war zum Beispiel das sehr hübsche, aber völlig talentfreie Mädchen, das Reger im Beisein der Mutter auf dem Konzertflügel etwas vorspielte. Als die Mutter um ein Urteil bat, meinte Reger salomonisch: „Gnädige Frau, ohne Flügel wäre Ihre Tochter ein Engel!“ Oder, nach einem Konzert der Meininger Hofkapelle: Eine junge Prinzessin erkundigt sich leutselig nach einer Solostelle der Fagotte, die ihr offenbar besonderen Eindruck gemacht hat. „Herr Hofrat, bringen die Leute diese Töne mit dem Mund hervor?“ Darauf Reger: „Das will ich doch stark hoffen, Königliche Hoheit.“ Und dann natürlich die berühmteste Reger-Anekdote von allen: Ein Münchner Kritiker verriss eines von Regers Werken in Grund und Boden. Daraufhin schrieb ihm der Komponist ein kurzes Brieflein: „Sehr geehrter Herr! Ich sitze hier im kleinsten Raum meines Hauses und lese Ihre Kritik. Noch habe ich sie vor mir ... Hochachtungsvoll: Max Reger.“

MUSIK: REGER, DER GEIGENDE EREMIT, TRACK 1 (8:14)

Max Reger hatte sich zwar immer gegen die Programmmusik eines Franz Liszt oder später Richard Strauss ausgesprochen („Wenn ich Bilder malen will, nehme ich Pinsel und Leinwand, wenn eine Geschichte erzählt werden muss, schreibe ich ein Buch“), aber dies eine Mal, 1913 in Meiningen, komponierte er für sein kleines Spitzenorchester „Vier Tondichtungen nach A. Böcklin“, jenem Schweizer symbolistischen Maler, der Surrealisten wie Dalí, Max Ernst oder Giorgio de Chirico entscheidend beeinflusste. Sein berühmtestes Bild heißt „Die Toteninsel“. Hier aber war's „Der geigende Eremit“, dem Reger ein zutreffend antikisierendes Klanggewand schneiderte. Neeme Järvi dirigierte das Königliche Concertgebouw-Orchester Amsterdam, die Solovioline spielte Jaap van Zweden.

Eine der anekdotisch am wenigsten beackerten Episoden in Max Regers Biographie ist seine Zeit beim Militär. Friedrich Herzfeld allerdings forschte auch dort: „Es war ein Verbrechen“, schreibt er, „den vierundzwanzigjährigen Max Reger zum Militärdienst einzuziehen, obwohl doch jeder sehen konnte, dass dieser Kurzsichtige mit dem massiven Körper für den Waffendienst völlig untauglich war. Reger musste glücklich sein, dass er als Einjähriger eingezogen wurde und daher nur ein Jahr zu dienen brauchte. Es kam wie nicht anders zu erwarten. Dieses Jahr wurde für Reger eine einzige Katastrophe. (...) Die einfachste militärische Leistung, richtig stillzustehen, lernte er nie. (...) Ihm die nötigen Griffe und das fachgemäße Marschieren einzudrillen, gelang noch weniger. Sein Unteroffizier mit dem kennzeichnenden Namen Trott prägte über die Eignung zur künstlerischen Leistung in Verbindung mit militärischer Begabung das wahrhaft klassische Wort: 'Was, Sie wollen Künstler sein und können nicht einmal einen halben Klimmzug machen?!'“ Ich kenne eine andere Version, wo der Uffz sagt: „So, Sie spielen Trompete – dann blasen Sie doch mal die Luftmatratzen auf!“, aber die ist wohl dem Bereich der Fabel zuzurechnen. Weiter bei Herzfeld: „Als Reger einmal Wache stehen musste, knallte er plötzlich sinnlos in die Gegend, hatte aber vergessen, den Mündungsschoner vom Gewehr zu entfernen. Wahrscheinlich war er wieder einmal betrunken. Gelegentlich ließ er Wache überhaupt Wache sein und ging in die nächste Kneipe. Diese Epoche nannte er später seine Sturm- und Trankjahre.“

Herzfelds Fazit: „Von der Tragikomödie des Soldaten Max Reger sind zwei Heldentaten besonders berichtenswert. An der Kaiser-Geburtstagsfeier sollte er als Pianist mitwirken. Um ihn bis zum Abend nüchtern zu halten, wurde er den Tag über von einem Unteroffizier bewacht. Dennoch gelang es Reger mit allen Mitteln der Verschlagenheit, das für die Feier vorgesehene Fass Bier anzuzapfen und erheblich zu leeren. (Am Abend spielte er) anstatt einen zackigen Marsch (...) 'aus dem Tristan und andere Zugaben'. (Trotzdem ließ man ihn) an der Kaiserparade in Homburg teilnehmen. Der unendlich oft geübte Vorbeimarsch vor Seiner Majestät wurde der einzigartige Höhepunkt in Regers Militärzeit und zugleich der ziemlich hoffnungslose Abschluss. Ausgerechnet vor Wilhelm II. stürzte Reger der Länge lang hin. Den Rest seiner Dienstzeit verbrachte er komponierend in der Garnison. Einer seiner Offiziere urteilte über ihn: 'Drei solche Einjährige in der Kompanie und man muss seinen Abschied nehmen.'“ Mit anderen Worten: Max Reger war zwar ein sturer Kopf, aber alles andere als ein Kommisskopp. Nun ja, hätte man sich auch denken können.

MUSIK: REGER, AUS SECHS BURLESKEN OP. 58, TRACKS 1, 2 + 3 (5:06)

Das waren die ersten drei der sechs Burlesken op. 58 für Klavier zu vier Händen von Max Reger, mit den Vortragsbezeichnungen „Äußerst lebhaft“, „Sehr schnell und eigensinnig“ und „Äußerst lebhaft, mit Humor“ - Etiketten, in denen der Komponist auch sich selbst bezeichnet haben könnte. Yaara Tal und Andreas Groethuysen spielten.

Auch Ludwig Kusche hat eine völlig unbekannte Reger-Anekdote zu erzählen, die er über seinen, wie er sagt, „Musizierkollegen“ Ludwig Schmidmeier erfuhr, welchselbiger ebenfalls ein Weidener war und ebenfalls ein Schüler von Adalbert Lindner, bei dem Reger das Klavier- und das Orgelspiel erlernte. Ich zitiere: „Reger wollte sich in seiner Vaterstadt Weiden einmal einen gemütlichen Abend machen und lud allerhand Honoratioren der Stadt dazu in einen Gasthof ein. In einem Extrazimmer wurde gegessen und getrunken, was das Zeug hielt. Und da auch ein Klavier in dem Zimmer stand, sollte auch Musik gemacht werden und, auf Regers Wunsch, so naturalistisch wie nur möglich. Zu diesem Zweck musste sich ein des Klavierspielens kundiger Herr an das Klavier setzen und Die Mühle im Schwarzwald zum Vortrag bringen. Die anderen Herren hatten die ehrenvolle Aufgabe, dieses Tonbild und Charakterstück mit entsprechenden Geräuschen zu begleiten, um das Klappern der Mühle und des Mahlwerkes so plastisch wie nur möglich zu machen. Man hatte mit den Bierfilzen auf dem Tisch hin und her zu fahren, an die Gläser zu klopfen und was dergleichen mehr war. Aber für Reger war das alles noch zu wenig. Er holte in der Küche einen riesigen Kochlöffel, gab diesen einem der prominentesten Bürger Weidens in die Hand und ließ ihn damit unter einen Stuhl kriechen. Dort hatte er, nach Regers Anordnung, auf jedes Achtel des Taktes an je eines der vier Stuhlbeine zu schlagen, damit das Klappern des Mühlrades schlagzeugmäßig gut und rhythmisch richtig durch das ganze Stück zu hören sei. (...) (Alle machten diese Oberpfälzer Gaudi nach Kräften mit.) Während man nun im schönsten Zuge war, hatte Reger sich wiederum in die Küche begeben und einen großen Eimer mit Wasser geholt. Als er damit wieder ins Zimmer gekommen war, schüttete Reger mit einem einzigen Schwung den ganzen Kübel Wasser unter den Stuhl, unter dem die hochmögende Standesperson Weidens immer noch der rhythmischen Arbeit mit dem Kochlöffel oblag. Daraufhin großer Krawall und allseitige Schimpferei. Reger aber sagte mit dem unschuldigsten Behagen: 'Jo, ihr seid's jo guat! Zu einer Mühle im Schwarzwald gehört jo aa's Wasser!'“

Das ist natürlich nicht die tollste Reger-Anekdote, nicht einmal eine gute, aber sie illustriert die latente Anarchie, den antisozialen Humor und die Leichtfertigkeit, die Künstlertum in Verbindung mit Hektolitern von Alkohol so mit sich führt. Jedenfalls war ganz Weiden, entgegen dem anfangs zitierten Hochglanzprospekt von der Max-Reger-Stadt, noch jahrzehntelang sauer auf den Komponisten – selbst noch nachdem er 1916, im Alter von nur 43 Jahren und immerhin als Hofkapellmeister, Hofrat und zweifacher Ehrendoktor, in Leipzig gestorben war. Diese „Mühle im Schwarzwald“ habe ich nun für Sie in einer Fassung für Salonorchester – die Geräuscheffekte der Weidener Honoratioren können Sie sich ja dazuimaginieren. Inklusive des verhängnisvollen Eimers Wasser ...

MUSIK: EILENBERG, DIE MÜHLE IM SCHWARZWALD, TRACK 3 (3:49)

„Die Mühle im Schwarzwald“, gespielt vom Salonorchester „Éclair“, mit – wenn auch sparsamen – Geräuscheffekten.

Wenn ein Komponist eine Anekdote von einem Kollegen nicht nur erzählt, sondern sie sogar aufschreibt, sollte man eigentlich davon ausgehen, dass sie stimmt. Das kann aber leider nicht so sein, wenn man die Reger-Anekdote liest, die Hans Pfitzner in seinem 1929 erschienenen Buch „Werk und Wiedergabe“ referiert: „Es gibt ein Geschichtchen von einem sehr berühmten Dirigenten und einem sehr berühmten Komponisten, das für diese Zeit (nach 1900) sehr bezeichnend ist. (Artur Nikisch) probiert das schwere Orchestervariationenwerk des anwesenden (Max Reger), welcher zigarettenrauchend in den Nebengängen des Konzertsaales auf und ab geht. Nach einer Weile taucht R. in dem Saal auf und fragt N.: 'Ist die Fuge schon drangewesen?' - 'Nein, mein lieber R., aber jetzt kommt sie gleich.' (Darauf) R.: 'Etsch, es kommt gar keine Fuge vor.'“ Und das ist nun wirklich hanebüchen. Mag sein, dass Hans Pfitzner als Komponist wie als Mensch umstritten war und ist – aber dreizehn Jahre nach Regers Tod wird er doch wohl gewusst haben, dass es nicht nur ein „Orchestervariationenwerk“ von ihm gibt, sondern drei? Und, das besonders, dass sie alle in einer ausladenden Fuge münden? Wo kommen wir eigentlich hin, wenn selbst gestandene Komponisten solche an den Haaren herbeigezogene Anekdoten aufschreiben ...? Na, egal – hier jedenfalls kommt die wunderbare Schlussfuge von Regers Hiller-Variationen op. 100.

MUSIK: REGER, HILLER-VARIATIONEN, TRACK 17 (9:04)

Wer glaubt, Max Reger hätte ein großes Variationenwerk ohne krönende Schlussfuge beenden können, muss ein Idiot sein. Oder Hans Pfitzner. Das eben war jedenfalls die der Hiller-Variationen op. 100, gespielt vom Königlichen Concertgebouw-Orchester Amsterdam unter der Leitung von Neeme Järvi. Das war ja gerade die singuläre Stellung, die der Komponist Max Reger sich erwarb: die spätromantische Klangsprache mit der Kontrapunktik eines Johann Sebastian Bach zu vermählen.

Es gibt aber nicht nur Anekdoten von, es gibt auch welche über Max Reger. Zum Beispiel von seinem ehemaligen „Schüler“ George Szell, dem Stardirigenten, der das Cleveland Orchestra so erzog, dass es funktionierte wie ein erstklassiges Streichquartett, und der in jungen Jahren auch komponierte. Als Sechzehnjähriger hatte er Unterricht bei Max Reger in Leipzig, und er berichtet davon, wie man sich's in etwa vorstellen kann: „Ich habe bei Reger überhaupt nichts gelernt. (...) Erstens war die Klasse viel zu groß, und zweitens war ich der Jüngste. Ich kam überhaupt nie dran. Wenn er mit den Älteren fertig war, hatte er keine Lust mehr und erzählte nur noch schmutzige Witze. Da ich aber, wie gesagt, der Jüngste war, musste ich jedesmal vor die Tür gehen, wenn er zum Witzeerzählen anhub. (...) Es war von A bis Z vergeudete Zeit.“ Nun, ich habe auch von George Szell ein Variationenwerk für Sie – aber es unterscheidet sich von den Reger'schen tatsächlich gewaltig: Es klingt nämlich wie Richard Strauss, der später auch George Szells guter Freund wurde.

MUSIK: SZELL, VARIATIONEN ÜBER EIN EIGENES THEMA, TRACKS 1 BIS 12 (13:17;
... Variationen über ein eigenes Thema von George Szell; es spielte die Nationale Philharmonie von Litauen, der Dirigent war Leon Botstein (Absage)