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LAUSITZER RUNDSCHAU
13.11.2006

Mit freundlicher Genehmigung durch Frau Irene Constantin

3. Philharmonisches Konzert im Staatstheater Cottbus

MAX REGER
Konzert für Klavier und Orchester f-Moll op. 114
LUDWIG VAN BEETHOVEN
Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 36

Solist: Michael Korstick
Philharmonisches Orchester
Dirigent: GMD Reinhard Petersen

Ein seltenes Geschenk

Max Regers Klavierkonzert f-moll op. 114 und die 2. Sinfonie Ludwig van Beethovens standen auf dem Programm des 3. Philharmonischen Konzertes. GMD Reinhard Petersen war der Dirigent des Abends, Michael Korstick der Solist des Klavierkonzerts.Reger und Beethoven, das versprach eine etwas krause Kombination. Beim Hören der Musik erschloss sich allerdings, wie eng beide Werke miteinander verbunden sind, obwohl im zeitlichen Abstand von mehr als 100 Jahren entstanden und daher stilistisch meilenweit voneinander entfernt.
Die Ähnlichkeit beider Werke liegt in ihrer Rauheit, in ihren scharfen inneren Kontrasten – und in den Missverständnissen, die beide Werke über lange Zeit begleiteten.
„Heiter“ fand man Beethovens 2. Sinfonie und wunderte sich ohne Unterlass, wie Beethoven dieses Werk gerade in dem Zeitraum komponieren konnte, als er sich seinem Schicksal, taub zu werden stellen musste. Erstens datierte man die Entstehungszeit der Sinfonie falsch, sie wurde 1800, zwei Jahre vor dem tragischen „Heiligenstädter Testament“, in dem sich Beethoven über die Taubheit klar wird, konzipiert und zweitens, die Sinfonie ist nicht heiter. Dieses Urteil wurde im 19. Jahrhundert, in Zeiten glättender Interpretationen, erfunden.

Grell und schwierig
Zeitgenossen erschien die Sinfonie grell und schwierig, zumindest merkwürdig. Aus Skizzen weiß man, dass Beethoven tatsächlich immer die unwahrscheinlichste, schroff ste und unkonventionellste seiner Ideen verwendete. Genau diesem Kompositionsprinzip verlieh Reinhard Petersen musikalisch Gestalt. Nach der langsamen Einleitung begann im 1. Satz ein klar konturiertes Wechselspiel der Instrumentengruppen, in dem vor allem die ungewöhnlichen Töne, schroffe Gegensätze, abgebrochene Themenentwicklungen, ein schräger Violintriller, ein harmonisch scharfer Bläsersatz, deutlich hervorgehoben waren. Petersen musizierte dramatisch aufgeladen, dennoch war, vor allem im munter fließenden 2. und vorbeihuschenden 3. Satz auch zu hören, dass hier gerade von der Musik des 18. Jahrhunderts Abschied genommen wurde – ebenso wie es Mozart zwölf Jahre zuvor mit dem Finale des „Don Giovanni“ getan hatte. Durchsichtig und klar, jedoch ohne die Attitüde der historischen Aufführungspraxis musizierte das Orchester.
Als „halb unzulänglich“ und „Fehlgeburt einer in Inzucht verkommenen Muse“ wurde Regers 1910 komponiertes Klavierkonzert von der zeitgenössischen Kritik beschimpft. Dabei ist es allein in formaler Hinsicht untadelig. Alle drei Sätze sind thematisch verwandt, Solo-instrument und Orchester hat Reger nach allen Regeln der Kunst sinfonisch miteinander verquickt, die Anlage und der Ausdruckscharakter der drei Sätze entsprechen der klassischen Tradition. Verstörend war der seelische Ausdruck des Werkes, sein bizarres Changieren zwischen „deutscher Gründlichkeit und deutschem Überschwang“.
Der 1. Satz ist ein Koloss aus Tönen, rasend schwer im Klavierpart, herb und kraftvoll zu musizieren. Ein herabstürzendes, paukengrollendes Orchesterthema wird von großen Akkordkaskaden im Soloinstrument noch weiter energetisch aufgeladen; auch das kontrastierende Seitenthema bringt kaum Beruhigung. Der Charakter des zweiten Satzes mit seiner Vortragsanweisung „con gran espressione“ liegt ganz in der Hand des Pianisten. Er kann ein bittersüß schwelgendes spätromantisches Pralinée werden oder ein sehnsüchtig zerrissenes Singen, das es einfach nicht wagt, entspannt dahinzufließen.

Idealer Interpret
Michael Korstick war hier der schlechthin ideale Interpret. Hatte man schon im 1. Satz ob seiner genau durch-gearbeiteten technisch makellosen Entladungen schier den Atem angehalten, so verdiente der 2. Satz nichts als Bewunderung. Tiefe Skrupel schienen jeden seiner Töne zu beladen, kaum wagte er, sie den Tasten des Klaviers anzuvertrauen. Korstick machte einen weiten Bogen um die Verlockungen der Sentimentalität und ließ doch großes Mitgefühl für den Komponisten hören, dessen lebenslanges hektisches Getriebensein noch in die intimsten musikalischen Phrasen hineinflackert. Dieses komplizierte komponierte Psychogramm – Korstick legte es offen. Der hektisch muntere Schlusssatz des Werkes ließ an Schostakowitsch denken. Wie dieser in seinen schrillen pseudo-munteren Sätzen mit seinem Dämon Stalin rang, so rang Reger offenbar mit seinen inneren Dämonen. Auch hier fand Korstick haargenau den richtigen To n: Eine überaus virtuose, immer gerade am wütenden Furor vorbeischießende atemlose Munterkeit.
Die gesamte Interpretation des Reger-Klavierkonzerts war von einer beglückenden Ernsthaftigkeit, durchdrungen von einem erwachsenen Intellekt – ein seltenes Geschenk. Dass Michael Korstick am Klavier nicht nur arbeiten kann, bewies er mit der Zugabe. Spielerische Artistik im Feuertanz aus Manuel de Fallas Ballettsuite „El amor brujo.“
von irene constantin




Freitag, 10.11.2006, 20:00 Uhr und Sonntag, 12.11.2006, 19:00 Uhr, Großes Haus

Reger stand quer zu seiner Zeit, war den einen zu neutönerisch, den anderen zu konservativ und galt vielen als routinierter, einfallsloser Vielschreiber, der mit Handwerk das Fehlen von Tiefe und künstlerischer Notwendigkeit kaschiere. So schrieb die "Leipziger Volkszeitung" über die Uraufführung des Klavierkonzerts: "Dabei wurde denn wieder einmal Halb-Unzulängliches halbwegs zum Ereignis" und sprach von einer schematisch "er-Regerten" Komposition, einer neuen "Fehlgeburt der in Inzucht verkommenden Re-ger-Muse".
Ähnlich heftig reagierte die Kritik zunächst auf Beethovens zweite Sinfonie: "zu lang", "überkünstlich", "merkwürdig", "wild", "grell", "schwierig" lauteten hier die Attribute. Doch während Regers Klavierkonzert immer noch nicht recht im Konzertleben angekommen ist, setzte sich Beethovens Sinfonie schon bald durch.